Empfinden Sie immer Lust, wenn Ihr Körper den sexuellen Höhepunkt erreicht? Diese simple Frage lässt sich manchmal nicht so leicht beantworten und verweist auf sehr unterschiedliche und manchmal verwirrende Erfahrungen. Um diese entscheidende Nuance zwischen der rein körperlichen Reaktion und dem genussvollen Erleben von Lust zu beleuchten, haben wir unsere Lieblingspsychologin und Sexualtherapeutin, Louise Paitel, um einen Beitrag gebeten.
Orgastie versus Orgasmie: eine klinische Unterscheidung, die noch wenig bekannt ist
In der sexualtherapeutischen Beratung kommt es nicht selten vor, dass Menschen eine paradoxe sexuelle Erfahrung schildern: Der Körper scheint reagiert zu haben, die sexuelle Spannung hat nachgelassen, es sind möglicherweise Kontraktionen im Beckenboden oder eine Ejakulation aufgetreten, und doch ist das Gefühl, zum Höhepunkt gekommen zu sein, nicht eindeutig. Diese Menschen erleben eine Diskrepanz zwischen der beobachtbaren körperlichen Reaktion und dem subjektiven Erleben der Lust.
Das von Jean-Yves Desjardins entwickelte Sexocorporel-Modell liefert uns wertvolle Erkenntnisse zu dieser Diskrepanz. Tatsächlich schlägt dieser Ansatz vor, zwischen Orgastie und Orgasmie zu unterscheiden (Desjardins, Chatton, Desjardins & Tremblay, 2011). Dies würde bestimmte Empfindungen erklären, wie zum Beispiel das Gefühl einer mechanischen Sexualität, das Gefühl einer „Entladung ohne Lust“, die schnelle Ejakulation bei geringer Befriedigung oder auch die Schwierigkeit, Lust im gesamten Körper zu empfinden.
Orgastie
Im Sexocoporel-Modell bezeichnet der Begriff Orgastie die reflexartige und rein körperliche Entladung der sexuellen Spannung. Das entspricht dem Moment, in dem die aufgestaute Spannung eine solche Schwelle erreicht, dass sie automatisch eine Reihe unwillkürlicher körperlicher Reaktionen auslöst: beschleunigte Atmung, rhythmische Kontraktionen der Beckenbodenmuskulatur, Entspannung nach der Entladung und allmähliche Rückkehr in einen Zustand geringerer Anspannung. Beim Mann ist diese Entladung häufig mit der Ejakulation verbunden, ohne dass beide Phänomene zwangsläufig gleichzeitig auftreten müssen.
Neurophysiologisch gesehen ist diese Abfolge Teil des gut dokumentierten Mechanismus des menschlichen sexuellen Reaktionszyklus. In diesen Reaktionszyklus sind unter anderem das autonome Nervensystem, die Belohnungsnetzwerke im Gehirn und der Beckenboden eingebunden (Cour et al., 2013; Georgiadis & Kringelbach, 2012). In dieser Phase erfüllt der Körper somit voll und ganz seine Funktion der Erregungsentladung. Deshalb ist die orgastische Entladung für manche Menschen sehr befriedigend.
Orgasmie
Im Gegensatz dazu bezeichnet der Begriff des Orgasmus die körperliche Entladung, die mit einer subjektiven Erfahrung von Lust und Genuss einhergeht. Zur reflexartigen Reaktion des Körpers kommen dann das Gefühl von einer Welle der Lust, vom Loslassen, eine diffuse Wahrnehmung der Empfindungen im gesamten Körper, eine vorübergehende Verringerung der kognitiven Kontrolle sowie ein Gefühl der sensorischen und emotionalen Erfüllung hinzu. Wie bei der orgastischen Entladung folgt auch auf den Orgasmus eine Phase der Entspannung.
Mit anderen Worten: Jeder Orgasmus beinhaltet die reflexartige Dimension der körperlichen Entladung, aber nicht jede reflexartige Entladung geht notwendigerweise mit einer lust- und genussvollen Orgasmus-Erfahrung einher. Dieser Unterschied hilft zu verstehen, warum manche Menschen eine „mechanisch funktionierende“ sexuelle Reaktion beschreiben, dabei aber von einem kurzen oder wenig befriedigenden Lustempfinden berichten.
Dieser Ansatz deckt sich mit zeitgenössischen Auffassungen vom Orgasmus als neuropsychophysiologisches Phänomen. Die Arbeiten von Meston und Kollegen (2004) zeigen auf, dass der Orgasmus gleichzeitig eine physiologische, kognitive, affektive und relationale Dimension hat. Somit hängt die Qualität der Lusterfahrung ebenso sehr von der körperlichen Entladung ab wie von der Art und Weise, wie diese Entladung wahrgenommen, psychisch verarbeitet und in das bewusste Erleben integriert wird.
Die Rolle der Formen sexueller Erregung
Einer der wesentlichen Aspekte des Sexocorporel-Modells liegt in der Erklärung des Unterschieds zwischen Orgasmie und Orgastie anhand der Formen sexueller Erregung. Diese entsprechen den Lernprozessen in Bezug auf Körper, Motorik und Aufmerksamkeit, durch die eine Person nach und nach gelernt hat, ihre sexuelle Erregung bis zur Entladung hervorzurufen, zu verstärken und zu lenken.
Sie umfassen sehr konkrete Elemente: Rhythmus, Druck, Körperhaltung, Atmung, Muskeltonus, Beweglichkeit des Beckens, Einbeziehung des Beckenbodens, fokussierte Aufmerksamkeit auf bestimmte Empfindungen …
Wenn diese Lernprozesse im Wesentlichen auf die Effizienz der Entladung ausgerichtet sind, können sie eine auf die Orgastie fokussierte Funktionsweise begünstigen. Ein schnelles Tempo, starker Druck, eine sehr lokal begrenzte Stimulation, eine blockierte Atmung oder eine starke Muskelkontraktion bis hin zur Anspannung ermöglichen es oft, die reflexartige Entladungsschwelle schnell zu erreichen. Demgegenüber lassen sie wenig Raum für das allmähliche Steigern der Lust und deren sensorische Ausbreitung im gesamten Körper, was den Orgasmus stärker begünstigen würde.
Diese Unterscheidung hat eine wichtige klinische Bedeutung, da sie häufige Konsultationsgründe in der Sexualtherapie in einem neuen Licht erscheinen lässt. Bestimmte Formen der weiblichen Anorgasmie+ sind beispielsweise nicht auf das Fehlen einer physiologischen Entladung zurückzuführen, sondern vielmehr auf die Schwierigkeit, diese Entladung in ein bewusstes Lustempfinden umzuwandeln. Ähnliches gilt für die vorzeitige Ejakulation: Trotz einer voll funktionsfähigen körperlichen Reaktion empfinden manche Betroffene eine geringe subjektive Befriedigung.
"Die Art der sexuellen Erregung, die man in der Kindheit beim Masturbieren und später im Laufe des Lebens erlernt, kann das Lustempfinden auf eine schnelle orgastische Entladung beschränken oder den Weg zu einem umfassenderen, diffuseren und bewussteren Orgasmuserlebnis ebnen. So ist die orgastische Entladung ein rein körperlicher Vorgang, während der Orgasmus eine Entladung ist, die im Bewusstsein der Lust erlebt wird. Im Sexocorporel-Ansatz hängt der Orgasmus nicht nur von der genitalen Stimulation ab, sondern davon, wie der gesamte Körper am Anstieg von Erregung und Lust teilhat." - Louise PAITEL, Psychologin, Sexualwissenschaftlerin und Forscherin an der Universität Côte d’Azur in Nizza (Frankreich). -
Die Rolle des Beckens, der Bewegung und der Atmung
Im Sexocorporel-Modell nimmt die Beweglichkeit des Beckens einen zentralen Platz ein. Diese fördert sowohl die Durchblutung der Genitalien als auch die Ausbreitung der Empfindungen auf den Rest des Körpers und die Synchronisation von Bewegungen, Atmung und Erregung. Je stärker das Becken in die Bewegungsabläufe eingebunden ist, desto eher breiten sich die Empfindungen über den Genitalbereich hinaus aus. Da das Lustempfinden weniger lokal begrenzt ist, kann sich ein orgasmisches Erlebnis eher entwickeln.
Auch die Atmung spielt eine wesentliche Rolle. Eine tiefe Atmung erleichtert die Regulierung des Muskeltonus, reduziert periphere Verspannungen und fördert die Aufmerksamkeit für die Empfindungen. Umgekehrt kann eine blockierte Atmung zu einem schnellen Höhepunkt führen und die Qualität der empfundenen Lust einschränken.
Die psychischen Aspekte: Kontrolle, Aufmerksamkeit und Loslassen
Über die körperlichen Aspekte hinaus verdeutlicht die Unterscheidung zwischen Orgasmie und Orgastie die Rolle der kognitiven und emotionalen Prozesse. Der Orgasmus setzt eine gewisse Aufhebung der bewussten Kontrolle und eine psychische Offenheit für Empfindungen voraus. Zahlreiche Faktoren können diese Offenheit jedoch beeinträchtigen: Leistungsangst, die Angst, die Kontrolle zu verlieren, Schwierigkeiten, sich fallen zu lassen, „Spectatoring“, negative Überzeugungen bezüglich Sexualität, die Angst vor dem Urteil anderer oder eine übermäßige Wachsamkeit gegenüber der Umgebung.
In solchen Fällen kann der Körper zwar zum Höhepunkt kommen, doch bleibt die Person in der Situation teilweise außen vor, abgelenkt durch andere Dinge als ihre eigene Sexualität. Die Arbeiten von Brotto, Basson und Luria (2008) zeigen zudem, dass eine körperbezogene und nicht wertende Aufmerksamkeit für die eigenen Empfindungen die Qualität des sexuellen Vergnügens deutlich verbessert. Deshalb wird die Praxis der Achtsamkeit (beispielsweise durch Slow Sex) empfohlen.
Zudem haben Edard und Rusinek (2020) gezeigt, dass Frauen, die von einer hohen sexuellen Zufriedenheit berichten, häufiger eine aktive Beteiligung des Beckens, eine bessere Wahrnehmung sexueller Empfindungen, eine größere Vielfalt an Körperverhalten und positivere Kognitionen im Zusammenhang mit Sexualität beschreiben. Umgekehrt weisen weniger zufriedene Frauen eine geringere Aufmerksamkeit für sensorische Reize sowie eine stärkere Kontrolle und Hemmung ihrer Empfindungen auf.
Weitere Ursachen für Orgasmusstörungen
Aber Vorsicht: Eine Störung beim Erreichen des Orgasmus kann ebenso gut auf organische, psychische, partnerschaftliche oder sexuelle Schwierigkeiten zurückzuführen sein. Auf psychischer Ebene sind dies Schwierigkeiten, sich gehen zu lassen, die Angst, die Kontrolle zu verlieren, die Angst, von den Kindern oder der Nachbarschaft gehört zu werden, die Angst vor Intimität, negative Vorstellungen von Sexualität oder Masturbation, mangelnde Erfahrung, eine karge oder fehlende Fantasie sowie die Last bestimmter Mythen oder Tabus (Gourier, 2013).
Zu den beziehungsbezogenen Ursachen können Feindseligkeit gegenüber dem Partner, Machtverhältnisse innerhalb der Partnerschaft oder die Aufrechterhaltung einer Dynamik gehören, die vorzeitige Ejakulation und Anorgasmie miteinander verbindet. Auf sexueller Ebene können eine unzureichende Stimulation oder eine Stimulation, die man allein sehr präzise erlernt hat und zu zweit nur schwer reproduzieren kann, eine vorzeitige Ejakulation oder Erektionsstörungen, mangelndes Verlangen oder auch Schmerzen beim Geschlechtsverkehr auftreten (Gourier, 2013).
Wie man mehr Lust empfinden kann
Es kann interessant sein, die Aufmerksamkeit auf folgende Punkte zu lenken:
- Kippbewegungen des Beckens
- Schwingende Bewegungen des Beckens
- Abbau körperlicher Anspannung
- Atmung
- Gesamtheit der Empfindungen und die Einbindung des gesamten Körpers
Außerdem kann man versuchen:
- Den Rhythmus zu verlangsamen
- Eine tiefere Atmung zu praktizieren
- Das Becken frei zu bewegen
- Im Nacken und Kiefer loszulassen und zu entspannen
- Den Bewegungsspielraum zu erweitern
- Die beanspruchten Körperbereiche zu variieren
- Bei Druck und Tempo zu variieren
- Die Sinneseindrücke wahrzunehmen und sich darauf zu konzentrieren, diese zu genießen
- Andere Stellungen auszuprobieren und dabei jede Empfindung zu genießen, innerlich wie äußerlich,
- Auf die Auslöser der Entladung zu achten
- Die Erregung erst einmal abklingen zu lassen, um das Hochgefühl und das damit verbundene Vergnügen länger genießen zu können
Der deutliche Unterschied zwischen den Begriffen Orgastie und Orgasmie erinnert uns daran, dass sich der menschliche sexuelle Reaktionszyklus nicht auf eine Abfolge mechanischer, neurovaskulärer oder muskulärer Vorgänge reduzieren lässt, so wichtig diese auch sein mögen. Die Qualität der Lust hängt auch von der Vielfalt der Sinneswahrnehmungen, der Einbeziehung des gesamten Körpers, der fließenden Dynamik der Bewegungen, der Atmung, der bewussten erotischen Wahrnehmung und der psychischen Fähigkeit ab, die Erfahrung – sei sie persönlich und/oder partnerschaftlich – in vollen Zügen zu genießen.
Es gilt, den Fokus vom bloßen Funktionieren auf die subjektive Wahrnehmung von Lust zu verlagern. Es geht nicht mehr nur darum, ob die Entladung stattgefunden hat, sondern wie sie erlebt, empfunden und verinnerlicht wurde. So hilft der Sexocorporel-Ansatz den Menschen, ihren Körper, ihre Sexualität und ihr Becken neu wahrzunehmen und sich ihrer Bewegungen, Empfindungen und ihrer Lust besser bewusst zu werden. In einer Partnerschaft kann dieser Ansatz dazu beitragen, dass sich das Paar besser aufeinander einstellen und das Lustempfinden aufeinander abstimmen kann, um zu einer rundum befriedigenden Sexualität zu gelangen.
Dieser Artikel wurde von
Louise PAITEL
verfasst, einer Psychologin und Sexualwissenschaftlerin und Forscherin an der Universität Côte d'Azur in Nizza. Sie unterstützt LOVE AND VIBES bei der Redaktion mit ihrem wissenschaftlichen und wohlwollenden Ansatz der Sexualität.
Literaturangaben
- Brotto, L. A., Basson, R., & Luria, M. (2008). A mindfulness-based group psychoeducational intervention targeting sexual arousal disorder in women. The Journal of Sexual Medicine, 5(7), 1646–1659.
- Cour, F., Droupy, S., Faix, A., Methorst, C., & Giuliano, F. (2013). Anatomie et physiologie de la sexualité [Anatomy and physiology of sexuality]. Progres en urologie : journal de l'Association francaise d'urologie et de la Societe francaise d'urologie, 23(9), 547–561.
- Desjardins, J.-Y., Chatton, D., Desjardins, L., & Tremblay, M. (2011). Le sexocorporel : la compétence érotique à la portée de tous. In M. El Feki (Ed.), La sexothérapie (pp. 63–102). De Boeck Supérieur.
- Edard, A., & Rusinek, S. (2020). Étude exploratoire des habiletés érotiques en jeu dans la pratique sexuelle des femmes. Sexologies, 29(4), 166–172.
- Georgiadis, J. R., & Kringelbach, M. L. (2012). The human sexual response cycle: Brain imaging evidence linking sex to other pleasures. Progress in Neurobiology, 98(1), 49–81.
- Gourier, J. (2013). Le plaisir : Quel est le chemin entre le désir et le plaisir ? Institut Sexocorporel International. In Santé sexuelle, numéro 11, automne 2013 (pp. 6–11).
- Meston, C. M., Levin, R. J., Sipski, M. L., Hull, E. M., & Heiman, J. R. (2004). Women’s orgasm. Annual Review of Sex Research, 15(1), 173–257.