Wenn ein Mann keinen hochbekommt, wird das oft als persönliches Versagen empfunden. Dabei sind Erektionsstörungen weder außergewöhnlich noch ein unumkehrbares Schicksal. Mit diesem Artikel unserer Lieblingssexualtherapeutin Louise Paitel möchten wir Ihnen helfen, besser zu verstehen, was hinter einer Erektionsstörung stecken kann und welche Möglichkeiten es gibt.
Erektionsstörungen betreffen eine Vielzahl von Männern jeden Alters und stellen ein häufiges Problem für die öffentliche Gesundheit dar. Sie haben oft erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität, die Paarbeziehung und die psychische Gesundheit (Salonia et al., 2024).
Prävalenz
In Frankreich leidet jeder dritte Mann über 40 an erektiler Dysfunktion (Giuliano et al., 2002). Unter den Patienten, die einen urologischen Facharzt aufsuchen, leiden 68 % unter einer Erektionsstörung, wobei in 44 % der Fälle eine schwere Dysfunktion vorliegt (Droupy et al., 2009).
Was ist eine Erektionsstörung?
Erektionsstörungen sind definiert als die wiederholte Unfähigkeit, eine für eine befriedigende sexuelle Aktivität ausreichende Erektion zu erreichen oder aufrechtzuerhalten (Salonia et al., 2024). Diese Definition impliziert, dass das Problem regelmäßig auftritt (über mehrere Wochen oder Monate) und für den Betroffenen oder das Paar eine Belastung darstellt. Es handelt sich also nicht um ein einmaliges Problem, das auf Müdigkeit, Stress oder einen vorübergehenden Rückgang des sexuellen Verlangens zurückgeführt werden kann.
Erektionsstörungen können organische (physiologische), psychische (psychogene) oder gemischte Ursachen haben, wobei diese Ursachen miteinander verflochten sein können. Die klinische Beurteilung zielt darauf ab, den jeweiligen Anteil dieser Faktoren zu ermitteln, um die Behandlung individuell anzupassen.
Physiologie der Erektion
Die Erektion ist ein komplexer Prozess, der sowohl neurologische, vaskuläre, hormonelle als auch gewebliche Aspekte umfasst. Er beinhaltet psychogene Reize (subjektive Wahrnehmung, Gedanken, Bilder, Fantasien) und Reflexe (genitale Stimulation, Aktivierung des sakralen Parasympathikus), eine Entspannung des sympathischen Tonus und eine arterielle Vasodilatation des Penis. All dies geschieht in einem neurohormonellen Kontext. Die Erektion ist also das Ergebnis des Zusammenwirkens anatomischer und psychischer Faktoren.
Auf Gewebeebene ist die Produktion von Stickstoffmonoxid (NO) entscheidend, das die Entspannung der glatten Muskelfasern ermöglicht. Diese Entspannung ermöglicht den Blutfluss und die Füllung der Schwellkörper, die für die Vergrößerung und Versteifung des Penis unerlässlich sind (Salonia et al., 2024; Pyrgidis, 2021).
Bildlich gesprochen lässt sich dieser Mechanismus mit einem Schwamm vergleichen (Bondil, 1991). Wenn man einen Schwamm zusammendrückt, fließt die Flüssigkeit ab und der Schwamm schrumpft. Umgekehrt füllt sich der Schwamm wieder mit Flüssigkeit und nimmt an Volumen zu, wenn man ihn loslässt. Genauso verhält es sich bei einer Erektion: Wenn sich das Gewebe entspannt, füllen sich die Blutgefäße und der Penis gewinnt an Volumen.
Entgegen landläufiger Meinungen entsteht eine Erektion nicht durch eine „Kontraktion” des Penis, sondern durch die Entspannung der glatten Muskulatur, wodurch Blut in die Schwellkörper fließen kann.
Auf neurologischer Ebene gibt es ein doppeltes Kontrollsystem im Gehirn, das eine Stimulation oder Hemmung ermöglicht. Der Zustand der Hemmung ist der normale Zustand (es handelt sich um einen normalen Anpassungsmechanismus), damit der Penis die meiste Zeit in schlaffem Zustand ist. Damit eine Erektion zustande kommt, hebt das Gehirn diese Hemmung auf, parallel zu einer Stimulation, die sexuelles Verlangen und physiologische Erregung hervorruft.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine Erektion durch sexuelles Verlangen ausgelöst wird und dass die Stimulation des Penis dann die Mechanismen, die die Reflexerektion steuern, in die Lage versetzt, diese bis zur Ejakulation aufrechtzuerhalten.
Welche verschiedenen Arten von Erektionen es gibt
Es gibt drei Arten von Erektionen:
- die psychogene Erektion, die durch sexuelles Verlangen, Fantasien, mentale Bilder, erotische Gedanken usw. ausgelöst wird
- die Reflexerektion, die nach einer Stimulation der Sinnesrezeptoren (Hoden, Eichel, Penis, Anus) auftritt
- die spontane Erektion, die hauptsächlich während des REM-Schlafs auftritt und die Sauerstoffversorgung des Penisgewebes ermöglicht
Wichtigste physische (organische) Ursachen für Erektionsstörungen
- Refraktärphase: Nach dem Geschlechtsverkehr und/oder einem Orgasmus folgt eine Ruhephase, die sogenannte Refraktärphase. Während dieser Phase, deren Dauer je nach Alter des Mannes variiert, kommt es zu keiner Erektion.
- Vaskuläre Ursachen: Arteriosklerose, Bluthochdruck, Dyslipidämie und Diabetes sind Ursachen für eine erektile Dysfunktion. So leiden 52 % der Männer mit Diabetes daran (Kouidrat, 2017). Aus diesem Grund muss eine sich entwickelnde
- Erektionsstörung ernst genommen werden, da sie ein Anzeichen für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung oder Diabetes sein kann.
- Endokrine Ursachen: Hypogonadismus (niedriger Testosteronspiegel), Hypothyreose, Hyperprolaktinämie-Syndrom (Mulhall et al., 2018)
- Neurologische Ursachen: periphere Neuropathien (Diabetes), Rückenmarksverletzungen, neurodegenerative Erkrankungen
- Medikamente und Substanzen: Antihypertensiva (bestimmte Betablocker), Antidepressiva (vom Typ SSRI), Antipsychotika, Antiandrogene (die in bestimmten Fällen von Prostatakrebs verschrieben werden), Alkohol, Drogen, Tabak (Salonia et al., 2024)
- Penisgewebe: Fibrose, Peyronie-Krankheit, Penistrauma, Operationen (Prostatektomie)
Psychologische Ursachen für Erektionsstörungen
- Depression (verminderte Libido und Motivation, Wirkung von Antidepressiva)
- Beziehungsstress: Konflikte in der Partnerschaft, schwieriges Liebesleben, Druck seitens des Partners bzw. der Partnerin
- Psychosexuelle Traumata, früherer Missbrauch, psychiatrische Störungen und Störungen des Körperbildes
- Persönlicher Stress, Leistungsangst, geringes sexuelles Selbstwertgefühl und Angst vor sexuellem Versagen
Psychische Ursachen können primär sein, wenn die körperliche Funktion intakt ist, oder sekundär zu einer organischen Ursache auftreten (Bilal et al., 2020).
Inwiefern Stress die Erektion beeinträchtigen kann
Akuter oder chronischer Stress ist eine der Hauptursachen für Erektionsstörungen. Er beeinträchtigt die Erektion auf verschiedene Arten, die miteinander verbunden sind: neurologisch, hormonell, vaskulär und verhaltensbedingt.
In Stresssituationen wird das sympathische Nervensystem stark aktiviert. Dieses Nervensystem bereitet den Körper auf Kampf oder Flucht vor. Die Sinne sind in Alarmbereitschaft, die Atmung beschleunigt sich und die wichtigsten Muskeln spannen sich an, um eine sofortige Reaktion zu ermöglichen. Wenn man jedoch kämpfen oder rennen muss, ist eine Erektion nicht gerade hilfreich ... Der Anstieg des sympathischen Tonus führt also zu einer arteriellen Vasokonstriktion, die den Blutfluss zu den Schwellkörpern verringert und das Erreichen oder Aufrechterhalten einer Erektion verhindert.
Dieser Mechanismus erklärt, warum eine vorübergehende Stresssituation oft die Erektion blockiert, was im allgemeinen Sprachgebrauch als „Panne” bezeichnet wird. Auf psychischer Ebene kann Leistungsangst einen Teufelskreis auslösen: Eine punktuelle Erektionsstörung schürt negative Erwartungen und Versagensängste, was die sympathische Aktivierung beim nächsten Geschlechtsverkehr verstärkt (Xu et al., 2023).
Chronischer Stress stimuliert außerdem die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, wodurch mehr Cortisol ausgeschüttet wird. Anhaltend hohe Cortisolwerte können die Endothelfunktion, also die Gesundheit der Zellen, beeinträchtigen und die NO-Produktion verringern. Dies stört den Gefäßstoffwechsel und senkt indirekt die Produktion von Testosteron, einem Hormon, das für das sexuelle Verlangen und die erektile Funktion verantwortlich ist (Mbiydzenyuy et al., 2024; Kaltsas et al., 2024; Xu et al., 2023).
Stress kann zudem Verhaltensweisen wie Rauchen, Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, Schlafstörungen usw. begünstigen, die die vaskulären und endokrinen Risikofaktoren für Erektionsstörungen verschlimmern. All diese Gründe erklären, warum die Behandlung dieser Störungen oft einen biomedizinischen Ansatz in Kombination mit einer Psycho-/Sexualtherapie erfordert.
Wie man herausfinden kann, ob die Erektionsstörung körperlicher oder psychischer Natur ist
Bestimmte klinische Faktoren lassen auf eine psychische oder körperliche Ursache der Erektionsstörung schließen:
"Eine gut behandelte Erektionsstörung ist oft auch eine Chance: nämlich die Chance, seinen Lebensstil zu überdenken, auf seine Gesundheit zu achten, einen besseren Umgang mit Stress zu finden und besser mit Partnerin oder Partner zu kommunizieren. Man darf nicht vergessen, dass eine Erektion in erster Linie eine Reaktion des Körpers auf einen Moment der Lust, des körperlichen Wohlbefindens, der Geborgenheit und der Verbundenheit ist. Um wieder Lust zu empfinden und eine Erektion zu bekommen, ist es daher unerlässlich, wieder solche Momente bewusst zu schaffen." - Louise PAITEL, Psychologin, Sexualwissenschaftlerin und Forscherin an der Universität Côte d’Azur in Nizza (Frankreich). -
Medikamentöse Behandlungen
Phosphodiesterase-Typ-5-Hemmer (PDE5-Hemmer)
PDE5-Hemmer wie Sildenafil (Viagra) oder Tadalafil (Cialis) gelten als Erstbehandlung bei Erektionsstörungen, sofern keine Kontraindikationen vorliegen. Studien zeigen nämlich, dass sie bei der Mehrheit der Patienten eine höhere Wirksamkeit als Placebos aufweisen (Pyrgidis, 2021; Yuan et al., 2013). Darüber hinaus kann es in minimaler Dosierung für die tägliche Einnahme verschrieben werden, um die erektile Funktion langfristig zu verbessern, ohne dass die Tablette 20 bis 30 Minuten vor der sexuellen Aktivität eingenommen werden muss (Pozzi et al., 2024).
Dennoch treten häufig bestimmte Nebenwirkungen auf: Kopfschmerzen, Hitzewallungen, Herzrasen, verstopfte Nase, Sehstörungen (selten). Darüber hinaus sind bestimmte Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten zu beachten, wenn bereits eine Behandlung läuft (Pyrgidis, 2021). Daher ist es wichtig, vor der Einnahme dieses Medikaments mit dem Arzt Rücksprache zu halten.
Prostaglandin E1 (Alprostadil)
Alprostadil ist als intrakavernöse Injektion (Edex) oder zur intraurethralen Anwendung (Vitaros) erhältlich und bewirkt eine Gefäßerweiterung, die für die Erektion des Penis erforderlich ist. Es ist wirksam, wenn PDE5-Hemmer versagen oder kontraindiziert sind. Die Anwendung ist allerdings weniger einfach, invasiver und kann mit leichten Schmerzen oder seltenem Priapismus verbunden sein.
Hormonbehandlungen
Bei Hypogonadismus (nach einer Untersuchung und bestätigten Messungen) kann eine Testosteronersatztherapie angezeigt sein. Sie verbessert das sexuelle Verlangen und kann die erektile Funktion teilweise wiederherstellen, oft in Kombination mit anderen Behandlungen (Mulhall et al., 2018). Die Verschreibung erfordert jedoch eine ärztliche Überwachung.
Andere Möglichkeiten
Hilfsmittel mit Saugwirkung (zum Beispiel Penispumpen ): Der Unterdruck im Zylinder sorgt dafür, dass sich die Schwellkörper füllen. Diese Art Hilfsmittel kann zum Einsatz kommen, wenn medikamentöse Behandlungen versagen, oder wenn eine nicht-pharmakologische Lösung bevorzugt wird. Auch in der Rehabilitation nach einer Prostatektomie kann es eingesetzt werden (Zhang et al., 2025).
Penisring
: Ein Penisring in Kombination mit einer Penispumpe hilft, die Erektion länger zu halten.
Penisimplantate: Hierbei handelt es sich um eine endgültige chirurgische Lösung, die zum Einsatz kommen kann, wenn andere Behandlungsmethoden versagen. Penisimplantate sorgen langfristig für große Zufriedenheit, aber der Eingriff ist invasiv und birgt gewisse Risiken (Salonia et al., 2024).
Psychotherapeutische Ansätze und sexuelle Rehabilitation
Psychotherapeutische Maßnahmen sind insbesondere bei psychogenen oder gemischten Faktoren von entscheidender Bedeutung.
Kognitive Verhaltenstherapie
Die auf sexuelle Störungen zugeschnittene KVT zielt darauf ab, Leistungsangst zu reduzieren, dysfunktionale Überzeugungen zu korrigieren (z. B. „Ich muss immer eine steife Erektion haben”) und schrittweise wieder sexuelle Aktivitäten ohne Druck einzuführen (Bilal et al., 2020).
Paartherapie und Sexualtherapie
Die Behandlung von Beziehungsproblemen (Kommunikation, Intimität, Erwartungen usw.) durch eine Paartherapie ist oft entscheidend für die Wiederherstellung eines erfüllenden Sexlebens. In der Sexualtherapie sind die schrittweise Wiedereinführung von Intimität ohne Leistungsdruck dank Sensate Focus, sexueller Kommunikation und Sexualaufklärung wichtige Schritte zur Verringerung von Erektionsstörungen.
Mehrere Studien zeigen, dass zwar Männer häufig alleine einen Arzt aufsuchen, die erektile Dysfunktion jedoch ebenso den Partner bzw. die Partnerin betrifft. Gefühle der Ablehnung, des nachlassenden Verlangens, der Schuld oder der Ausgrenzung betreffen beide. Die Einbeziehung des Partners oder der Partnerin in die Beratung ist daher von entscheidender Bedeutung. Das verbessert die sexuelle Zufriedenheit, die Zufriedenheit in der Beziehung und die Therapietreue (Dean (2008); Conaglen, 2008).
Gesunder Lebensstil
Bestimmte Veränderungen können eine wichtige Rolle für eine bessere Erektion spielen: Raucherentwöhnung, Reduzierung des Alkoholkonsums, Gewichtsabnahme, regelmäßige körperliche Aktivität und Kontrolle von Diabetes und Bluthochdruck. Diese Maßnahmen verbessern die Endothelfunktion und senken das Herz-Kreislauf-Risiko, was wiederum die Erektionsfähigkeit fördert (Salonia et al., 2024; Kaltsas et al., 2024).
Fazit
Erektionsstörungen entstehen, wenn das empfindliche Gleichgewicht zwischen vaskulären, neurologischen, hormonellen und psychologischen Faktoren gestört wird. Insbesondere Stress kann die Erektionsfähigkeit kurz- und langfristig beeinträchtigen. Die optimale Behandlung ist multidisziplinär: Erkennung und Korrektur organischer Faktoren, medikamentöse Behandlung (IPDE5 als Erstbehandlung) und Psycho-/Sexualtherapie zur Behandlung von Leistungsangst und Beziehungsproblemen. Zu guter Letzt kann eine Anpassung des Lebensstils zu einer dauerhaften Verbesserung beitragen.
Dieser Artikel wurde von
Louise PAITEL
verfasst, einer Psychologin und Sexualwissenschaftlerin und Forscherin an der Universität Côte d'Azur in Nizza. Sie unterstützt LOVE AND VIBES bei der Redaktion mit ihrem wissenschaftlichen und wohlwollenden Ansatz der Sexualität.