Stimmt es wirklich, dass man heutzutage weniger Sex hat? Oder leben wir unsere Sexualität einfach anders aus? Seit einigen Jahren taucht in den Medien, in wissenschaftlichen Studien und sogar in unseren Alltagsgesprächen immer wieder eine Beobachtung auf, und zwar die rückläufige Häufigkeit sexueller Aktivität. Dabei geht es um weniger Lust, weniger Sex und weniger Raum für Sexualität im immer voller werdenden Alltag. Dieses Phänomen heißt: Sex-Rezession.
Hinter diesem etwas dramatisch klingenden Begriff verbirgt sich jedoch eine viel differenzierter zu betrachtende Realität. Denn weniger Sex zu haben bedeutet nicht unbedingt, dass es einem schlecht geht oder dass man ein weniger erfülltes Sexualleben hat.
Bevor wir über Ursachen oder Lösungen sprechen, möchten wir versuchen zu verstehen, was der Begriff der Sex-Rezession tatsächlich bedeutet und vor allem, was er über unser heutiges Verhältnis zu Lust, Körper und Intimität aussagt.
Was ist die Sex-Rezession?
Der Begriff Sex-Rezession bezeichnet einen allgemeinen Rückgang der Häufigkeit sexueller Aktivität, der in mehreren westlichen Ländern bei allen Generationen beobachtet wird. Es handelt sich dabei nicht um ein individuelles Problem, sondern um einen kollektiven Trend, der damit zusammenhängt, wie sich unsere Lebensweisen, Beziehungen und Prioritäten entwickeln.
Dieser Trend muss jedoch differenziert betrachtet werden:
- Ein vorübergehender Rückgang der Libido hat nichts mit der Sex-Rezession zu tun.
- Weniger Sex zu haben bedeutet nicht, grundsätzlich kein sexuelles Verlangen mehr zu haben.
- Dieses Phänomen ist nicht universell zu verstehen und verläuft nicht bei allen gleich.
Die Sex-Rezession beschreibt nicht das Verschwinden von Sex, sondern vielmehr eine Veränderung seines Stellenwerts im Alltag. Sexualität wird nicht mehr immer als zentral, selbstverständlich oder unverzichtbar für das persönliche oder eheliche Gleichgewicht angesehen.
Warum wir heutzutage weniger Sex haben
Bei der Antwort auf diese Frage spielt die geistige und emotionale Erschöpfung eine große Rolle, bedingt durch die Belastung durch die Arbeit, chronischen Stress, finanziellen Druck, Zukunftsängste ... Sexuelles Verlangen braucht psychische Verfügbarkeit, und diese ist manchmal rar.
Auch unsere Lebensweise hat sich verändert. Die Tage sind voller, die Abende oft der Erholung, dem Fernsehen oder Hobbys gewidmet, die man eher alleine ausübt. Das Paar steht nicht mehr automatisch im Mittelpunkt des Gefühls- und Sexlebens.
Hinzu kommt eine tiefgreifende Veränderung der Beziehung zum eigenen Körper. Wir haben höhere ästhetische Ansprüche und sind viel selbstkritischer mit uns: Das für den Aufbau von sexueller Erregung notwendige Loslassen fällt manchmal schwer.
Schließlich werden auch die Liebesmodelle vielfältiger. Zwischen einem längeren Single-Dasein, nicht-exklusiven Beziehungen, Fernbeziehungen, einem freiwilligen oder gezwungenermaßen erduldetem Leben ohne Sex ist Sexualität nicht mehr systematisch an ein einziges Beziehungsmuster gebunden.
Woran es liegen könnte: Porno, Social Media, Dating-Apps?
Häufig werden Pornos und Smartphones mit ihren Apps für den Rückgang des sexuellen Verlangens verantwortlich gemacht. Die Realität ist jedoch komplexer.
Porno ist nicht automatisch ein Lustkiller, kann aber einen Einfluss auf die Erwartungen, Vorstellungen und die Wahrnehmung der sexuellen Leistungsfähigkeit haben. Direkte Vergleiche mit den Schauspielerinnen und Schauspielern, implizit aufgebauter Druck durch und unrealistische Szenarien aus Pornofilmen bremsen bei manchen Menschen die Lust auf Sex mehr als dass sie dadurch angeregt werden.
Die sozialen Medien wiederum setzen uns einer ständigen Hypersexualisierung des Körpers aus und schüren gleichzeitig Unsicherheit und ständige Vergleiche. Das paradoxe Ergebnis: Es gibt mehr sichtbare Sexualität, aber weniger gelebte Sexualität.
Dating-Apps hingegen erleichtern zwar den Zugang zu potentiellen Partnerinnen oder Partnern, unterstützen aber auch einen schnellen “Konsum”, der manchmal nichts mit emotionaler Intimität zu tun hat, was für ein dauerhaftes sexuelles Verlangen nicht unbedingt förderlich ist.
Ist es überhaupt problematisch, weniger Sex zu haben?
Das ist zweifellos die wichtigste Frage.
Weniger Sex zu haben ist an sich kein Problem. Es gibt in Sachen Häufigkeit keine allgemeingültige "Norm", die es zu erfüllen gilt. Eine erfüllte Sexualität lässt sich weder an der Häufigkeit noch an der vermeintlichen Intensität von Sex messen.
Für manche Menschen oder Paare geht eine geringere Häufigkeit tatsächlich mit einer bewussteren, ausgewogeneren und manchmal befriedigenderen Sexualität einher. Für andere kann dies zu Frust, Unverständnis oder einem Gefühl der Distanz führen.
Der eigentliche Indikator ist also nicht die Quantität, sondern das persönliche Empfinden. Der Rückgang der sexuellen Aktivität wird erst dann zum Problem, wenn er als Verlust, Zwang oder Quelle des Unwohlseins empfunden wird, und nicht, wenn er einem akzeptierten Rhythmus entspricht.
Wie man das eigene Sexleben dynamischer gestalten kann (wenn man es denn möchte)
Wer im eigenen Sexleben einen Mangel verspürt, sollte sich nicht zum Ziel setzen, einfach „mehr Sex zu haben”, sondern andere Möglichkeiten zu finden, das eigene sexuelle Verlangen auszuleben.
Helfen kann in vielen Fällen eine ehrlichere Kommunikation innerhalb der Partnerschaft, ohne dem anderen Vorwürfe zu machen oder Druck auszuüben. Indem man über seine eigenen Wünsche, Ängste und Blockaden spricht, eröffnet man sich neue Räume für mehr Intimität.
Genauso wichtig ist es, sich wieder auf die Empfindungen statt auf die Leistung zu konzentrieren. Begehren entsteht selten aus Verpflichtung, sondern eher aus Spiel, Neugier und Entdeckerlust.
Den eigenen Körper neu entdecken, entschleunigen, aus eingefahrenen Routinen ausbrechen, Neues wagen oder einfach nur den Rahmen wechseln, kann schon ausreichen, um Lust und Leidenschaft wieder zu entfachen. Hier kann zum Beispiel Sexspielzeug helfen - es setzt neue Reize zur gegenseitigen Erkundung und zum Dialog, sollte jedoch niemals als Zaubermittel oder Zwang angesehen werden.
Die Sex-Rezession ist kein Beweis für ein Desinteresse an Sexualität, sondern spiegelt einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel wider. Heutzutage gilt Sexualität als weniger zentral und automatisch. Sie hängt zunehmend von individuellen Entscheidungen, dem jeweiligen Kontext und dem persönlichen Wohlbefinden ab.
Anstatt sich über einen allgemeinen Rückgang der sexuellen Aktivität zu sorgen, ist es zweifellos gesünder, sich zu fragen, welchen Platz man der Sexualität im eigenen Leben wirklich einräumen möchte. Denn eine erfüllte Sexualität ist nicht die, die irgendeiner Norm folgt, sondern die, die für einen selbst Sinn macht.