Kann man wirklich von einer Nymphomanin sprechen, sobald eine Frau ein starkes sexuelles Verlangen hat? Der Begriff taucht immer noch regelmäßig auf, oft mit einem Hauch von Skandal, als reiche es schon aus, Sex etwas mehr zu mögen als der Durchschnitt, um in eine Schublade gesteckt zu werden. Dabei ist der Begriff der Nymphomanie längst veraltet.
Tatsächlich sind Nymphomanie und Hypersexualität keineswegs dasselbe. Während der Begriff der Nymphomanie vor allem Ausdruck einer veralteten moralischen Sichtweise auf die weibliche Sexualität ist, versucht der Begriff der Hypersexualität eine echte Problematik zu beschreiben, die entsteht, wenn Sex einen zu großen Stellenwert einnimmt oder das Leben erschwert.
Nymphomanie, ein Begriff, der in die Jahre gekommen ist
Der Begriff der Nymphomanie wurde lange Zeit verwendet, um Frauen zu bezeichnen, die als „zu“ sexuell galten. Frauen mit einem zu großen Verlangen, zu vielen Wünschen, zu viel Selbstbewusstsein, zu viel Freiheit … kurz gesagt: zu viel von allem. Historisch gesehen bezieht sich der Begriff ausschließlich auf Frauen, und das sagt schon viel aus.
Denn hinter diesem Wort verbirgt sich nicht nur die Frage nach der Sexualität. Es geht auch um die alte Gewohnheit, die weibliche Lust überwachen, kommentieren und beurteilen zu wollen. Im Grunde genommen wurde man als Frau, die ein wenig aus dem Rahmen fiel, früher schnell in diese Schublade gesteckt.
Das Problem ist, dass der Begriff der Nymphomanie nicht wirklich auf einer modernen und neutralen Definition beruht. Er ist vor allem mit Fantasien, Moralvorstellungen und Klischees behaftet. Mit anderen Worten: Er beschreibt weniger eine tatsächliche Störung als vielmehr ein Unbehagen der Gesellschaft gegenüber einer Frau, die offen zu ihrem sexuellen Verlangen steht.
Und was ist mit Hypersexualität?
Hypersexualität bedeutet nicht einfach nur, „sehr viel Lust auf Sex zu haben“ oder sich mit dem eigenen sexuellen Verlangen besonders wohlzufühlen. Es geht auch nicht um die Frage der Häufigkeit.
Vielmehr geht es um eine Sexualität, die überhand nimmt, schwer zu kontrollieren ist, manchmal zwanghaft wird und einer Sucht ähneln kann, wenn sie schließlich den Alltag belastet. Was also zählt, ist nicht das Ausmaß des Verlangens, sondern die Art und Weise, wie es wahrgenommen und erlebt wird.
Man kann eine sehr hohe Libido haben, oft an Sex denken, gerne experimentieren, ein erfülltes Sexleben haben … ohne dass dies ein Problem darstellt. Ganz anders sieht es aus, wenn Sex nicht mehr nur ein Vergnügen ist, sondern etwas, das überhand nimmt, viel Raum einnimmt oder das Gefühl vermittelt, dass man selbst keine Wahl mehr hat.
Warum beides nicht verwechselt werden darf
Nymphomanie und Hypersexualität miteinander zu verwechseln, ist ein bisschen so, als würde man eine alte sexistische Bezeichnung mit einem weitaus differenzierteren Begriff vermischen.
Nymphomanie ist ein pauschaler, geschlechtsspezifischer und nicht sehr präziser Begriff, der lange Zeit dazu diente, Frauen anzuprangern, deren sexuelles Verlangen als „zu“ stark angesehen wurde. Hypersexualität hingegen beschreibt weder einen Charakterzug noch eine Form der starken Libido: Sie geht möglicherweise mit einem Leidenszustand, mit Kontrollverlust und mit einer komplizierten Beziehung zur eigenen Sexualität einher.
Der Unterschied ist also enorm. Auf der einen Seite ein Wort, das karikiert. Auf der anderen Seite ein Begriff, der versucht zu verstehen.
Nein: Sex zu mögen macht aus Ihnen keine Nymphomanin
Und das muss, ganz ehrlich, einmal klar gesagt werden. Ein starkes sexuelles Verlangen zu haben, oft zu fantasieren, Sex zu lieben, offen darüber zu sprechen oder Lust auf neue Erfahrungen zu haben, bedeutet nicht, dass etwas nicht stimmt.
Eine intensive Sexualität ist keine problematische Sexualität. Nur weil jemand eine starke Libido hat, ist er oder sie nicht sexsüchtig oder anderweitig in Schwierigkeiten. Was wirklich zählt, ist die persönliche Wahrnehmung der Situation.
Wird diese Sexualität als angenehm, selbstbestimmt, erfüllend wahrgenommen? Oder wird sie zur Last, unkontrollierbar und ein Quell von Schuldgefühlen oder Leid? Genau hier muss man ansetzen, wenn man sich wirklich mit dem Thema beschäftigen möchte.
Der Begriff der Nymphomanie ist vor allem ein alter Begriff, der sich hartnäckig hält, obwohl er kaum zum Verständnis von irgendetwas beiträgt. Er reduziert die weibliche Sexualität auf ein etwas reißerisches Klischee, während die Realität oft viel nuancierter ist.
Von Hypersexualität zu sprechen, ist schon treffender. Denn man spricht hier nicht von einer Frau, die als „zu sexuell“ gilt, sondern von einem Verhältnis zum Sex, das in manchen Fällen schwer zu ertragen sein kann. Und das ist eine ganz andere Geschichte.