Lange Zeit waren Sexroboter nur in der Science-Fiction-Welt zuhause. Heute spielen sie in den Debatten über Sexualität, Gesundheit, Ethik und Beziehungen eine immer größere Rolle.
Wie verändern diese Technologien unser Verhältnis zum Körper, zur Intimität und zu anderen Menschen? Kann man eine emotionale Bindung zu einer Maschine entwickeln? Können Sexroboter therapeutische Hilfsmittel sein oder bergen sie im Gegenteil die Gefahr, die soziale Isolation und die Objektivierung des Körpers zu verstärken? Auch wenn diese Fragen in den Medien häufig diskutiert werden, ist die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema noch recht jung (Döring et al., 2020; Hanson & Locatelli, 2022).
Sexroboter und Sextech
Der Begriff Sextech bezeichnet die Gesamtheit der Technologien, die in den Bereichen Sexualität, Lust, Intimität und sexuelle Gesundheit zum Einsatz kommen. Dieser Sektor umfasst mobile Apps,
Sexspielzeug mit App-Steuerung
und Teledildonik (haptische Geräte, die über Konnektivitätstechnologien ferngesteuert werden), Virtual Reality, erotische Chatbots, mechanische Sexpuppen und Sexroboter (Varod & Heruti, 2024; Gesselman et al., 2023).
Laut Varod und Heruti (2024) verzeichnet Sextech ein starkes Wachstum und wird mehr und mehr zu einem festen Bestandteil des Themenbereichs sexuelle Gesundheit. Die entwickelten Innovationen betreffen nicht mehr nur das sexuelle Vergnügen, sondern auch die Sexualaufklärung, die Behandlung bestimmter sexueller Funktionsstörungen und die Verbesserung des intimen Wohlbefindens, insbesondere dank spezifischer Apps. Mehrere Autoren schlagen zudem das Konzept der emotionalen Robotik, auch Erobotics genannt, vor, um zu betonen, dass diese Technologien auch affektive, zwischenmenschliche und kommunikative Dimensionen beinhalten (Dubé et al., 2022; Dubé et al., 2022).
Sexroboter oder Sexpuppe: eine wichtige Unterscheidung
Im allgemeinen Sprachgebrauch werden die Begriffe Sexpuppe und Sexroboter oft synonym verwendet. Dennoch ist die Unterscheidung wichtig. Sexpuppen sind anthropomorphe, also menschenähnliche Puppen, die für sexuelle oder partnerschaftliche Zwecke bestimmt sind. Sie können mechanisiert sein, verfügen jedoch über keine technologische Autonomie (Langcaster-James & Bentley, 2018; Döring et al., 2020).
Sexroboter hingegen verbinden ein humanoides Aussehen mit interaktiven Technologien wie Sensoren, Spracherkennungssystemen, automatisierten Bewegungen und auf künstlicher Intelligenz basierenden Konversationsprogrammen (Döring & Pöschl, 2018; Döring et al., 2020; Tondu, 2020). Einige auf dem Markt erhältliche Modelle sind in der Lage, den Nutzer zu erkennen, ein Gespräch zu führen, bestimmte Vorlieben zu speichern und verschiedene emotionale Ausdrucksformen zu simulieren (Bodei, 2019; Du et al., 2017). Sexroboter unterscheiden sich somit von herkömmlichen Sexspielzeugen durch ihren menschlichen, anthropomorphen und interaktiven Charakter.
Prävalenz
Trotz ihrer Präsenz in den Medien sind Sexroboter nach wie vor wenig verbreitet. Die Datenlage ist begrenzt, da Prävalenzstudien selten zwischen Sexrobotern, Sexpuppen und anderen Formen von Sextech unterscheiden (Döring et al., 2020). Dieser Mangel an Daten lässt sich insbesondere durch die hohen Kosten der Geräte, ihre geringe kommerzielle Verfügbarkeit und die mit ihrer Nutzung verbundene Stigmatisierung erklären (Döring et al., 2020; Hanson, 2022; Nascimento et al., 2021).
In den Vereinigten Staaten wurden zwei groß angelegte Umfragen zur Nutzung von Sextech durchgeführt. In einer davon gaben 11 % der befragten Personen an, bereits Virtual-Reality-Pornografie genutzt zu haben. 9 % gaben an, ein vernetztes Teledildonik-Gerät verwendet zu haben und 9 % der Befragten gaben an, bereits sexuell explizite Nachrichten mit einem Chatbot oder einer künstlichen Intelligenz ausgetauscht zu haben (Gesselman et al., 2023). In der anderen, etwas umfassenderen Studie gaben 79 % der Männer und 51 % der Frauen an, bereits mindestens eine Form von Sextech genutzt zu haben (Marcotte et al., 2021).
In einer aktuellen Umfrage in Deutschland gaben 31,6 % der Befragten an, in den letzten zwölf Monaten mindestens eine KI-gestützte sexuelle Aktivität ausgeübt zu haben. Zu den am häufigsten genannten Nutzungsformen gehörten das Abrufen von KI-generierten Informationen zur sexuellen Gesundheit (20,3 %), der Konsum von KI-generierter Pornografie (20,2 %) sowie die Inanspruchnahme von KI-gestützter Sexualberatung oder -therapie (19,0 %). Zudem gaben 11,3 % an, selbst KI-generierte pornografische Inhalte erstellt zu haben. Insgesamt gaben 41,5 % der Männer und 21,7 % der Frauen an, KI zu sexuellen Zwecken genutzt zu haben (Döring et al., 2026).
Was speziell realistische Sexpuppen und Sexroboter betrifft, sind die Zahlen deutlich geringer. Eine weitere deutsche Studie berichtet von einer Prävalenz von 3,9 % für die Nutzung realistischer Sexpuppen oder Sexroboter und von einer Prävalenz von 5,3 % für Virtual-Reality-Pornografie (Desbuleux et al., 2025).
Zwischen Sexualität, Intimität und gemeinsamem Alltag
Das Interesse an Sexrobotern beschränkt sich nicht nur auf den Wunsch nach sexueller Stimulation. Mehrere Studien zeigen, dass die Erwartungen der Nutzer auch emotionale Nähe, Gesellschaft und simulierte soziale Interaktionen umfassen (Su et al., 2019; Hanson, 2022).
Die Personalisierung und psychische Projektion spielen in dieser Dynamik eine zentrale Rolle (Döring et al., 2020). Der Nutzer kann das Aussehen, die Stimme, den Charakter oder die Identität seines künstlichen Gegenübers wählen. Auch Chatbots lassen sich zu sexuellen und romantischen Zwecken modellieren, sowohl hinsichtlich ihres physischen Avatars als auch ihrer Persönlichkeit und ihrer Vergangenheit (Pearson & Curtis, 2025). Diese Personalisierung fördert die emotionale Bindung und die Entstehung von Beziehungsgeschichten, die mitunter sehr ausgefeilt sind (Hanson, 2022; Hanson, 2023).
"Schon 2007 behauptete David Levy, dass Liebe und Sexualität mit Robotern unvermeidlich seien. Er hat Recht behalten: Sexroboter erleben derzeit einen regelrechten Boom. Sie sind nicht nur eine technologische Innovation, sie werfen auch zahlreiche Fragen auf … und stellen vor allem unsere Erwartungen und unser Verhältnis zu Beziehungen und Sexualität in Frage." - Louise PAITEL, Psychologin, Sexualwissenschaftlerin und Forscherin an der Universität Côte d’Azur in Nizza (Frankreich). -
Auch bei sexuellen oder romantischen Interaktionen mit KI-Agenten kommt es zu einem Austausch zwischen dem Nutzer und einem romantischen Chatbot, einem virtuellen Freund oder einer virtuellen Freundin oder einem Avatar, der in der Lage ist, ein emotionales oder sexuelles Gespräch zu führen. Diese Interaktionen können in Form von Flirts, Sexting, erotischen Rollenspielen oder echten emotionalen Beziehungen stattfinden, die über mehrere Monate oder sogar Jahre hinweg aufrechterhalten werden. In diesem Zusammenhang ist die künstliche Intelligenz eher ein Interaktionspartner als ein bloßes digitales Werkzeug (Döring et al., 2026).
Anthropomorphismus und emotionale Bindung
Eines der zentralen Konzepte in Sachen Sexroboter ist der Anthropomorphismus, also die menschliche Neigung, nichtmenschlichen Wesen Emotionen, Absichten oder eine Persönlichkeit zuzuschreiben (González-González et al., 2021). Schon das bloße Vorhandensein menschlicher Merkmale wie Gesicht, Stimme oder Gesichtsausdrücke reicht aus, um beim Nutzer emotionale Reaktionen auszulösen (González-González et al., 2021).
Viele beschreiben daher Gefühle der Zärtlichkeit, Liebe oder Zuneigung gegenüber ihrem künstlichen Partner bzw. Ihrer künstlichen Partnerin. (Hanson & Locatelli, 2022). Einige Autoren weisen jedoch auch auf das Phänomen des „Uncanny Valley“, also des unheimlichen Tals bzw. der Akzeptanzlücke hin, das 1970 von Mori beschrieben wurde und besagt, dass eine zu große Ähnlichkeit mit dem Menschen manchmal ein Gefühl des Unbehagens oder der Ablehnung hervorrufen kann.
Sexroboter als therapeutische Hilfsmittel
Das mögliche therapeutische Potenzial von Sexrobotern ist eines der am meisten diskutierten Themen in der wissenschaftlichen Literatur. Einige Autoren vermuten, dass diese Technologien die Lebensqualität von Menschen verbessern könnten, die mit sozialer Isolation, einer Behinderung, dem Verlust des Ehepartners oder bestimmten Beziehungsproblemen oder sexuellen Schwierigkeiten konfrontiert sind (Danaher, 2017; McArthur, 2017; Sharkey et al., 2017; Sperber, 2024; Gupta, 2021; Coursey et al., 2019). Sie könnten zudem einen sicheren Rahmen bieten, um die eigene Sexualität zu erkunden oder nach einem Trauma oder einer Erkrankung schrittweise wieder zu ihrer eigenen Sexualität zu finden (Döring & Pöschl, 2018).
Angesichts des aktuellen Forschungsstande ist jedoch Vorsicht geboten. Die verfügbaren Studien lassen keine Aussage über einen nachgewiesenen und verallgemeinerbaren therapeutischen Nutzen zu (Cox-George & Bewley, 2018; Döring et al., 2020; Nascimento et al., 2021). Eichenberg und Kollegen (2019) haben gezeigt, dass die medizinischen Fachkräfte selbst hinsichtlich des möglichen klinischen Einsatzes geteilter Meinung sind, auch wenn 45 % dies für möglich und potenziell vorteilhaft halten.
Die virtuelle Realität hat sich hingegen bei der Behandlung von Angstzuständen und sexueller Aversion bewährt, da sie zu einer Verringerung von Angst- und Ekelreaktionen führt, sowie der Behandlung von posttraumatischem sexuellem Stress dient (Lafortune et al., 2025; Mozgai et al., 2020).
Psychologische und soziale Risiken
Die in der Literatur geäußerten Bedenken betreffen vor allem die psychischen, zwischenmenschlichen und sozialen Folgen der Interaktion mit diesen Technologien. Einige Autoren befürchten, dass eine intensive Nutzung Formen der sozialen Isolation oder einer ausschließlichen Bindung an den künstlichen Partner begünstigen könnte, insbesondere bei Personen, die ohnehin schon gefährdet sind (Sharkey et al., 2017; Sperber, 2024). Andere weisen auf das Risiko hin, unrealistische Erwartungen an menschliche Partner zu entwickeln oder eine emotionale Abhängigkeit von vollständig kontrollierbaren Interaktionen zu entwickeln (Richardson, 2016; Sharkey et al., 2017).
Allerdings hängen die beobachteten Auswirkungen wahrscheinlich eher von der individuellen Nutzung als von der Technologie selbst ab (McArthur, 2017). Tatsächlich hat bislang keine Längsschnittstudie nachgewiesen, dass Sexroboter die psychische Gesundheit oder die Beziehungsfähigkeiten nachhaltig beeinträchtigen (Döring et al., 2020; Nascimento et al., 2021). Auch Stigmatisierung stellt ein wichtiges Problem dar. Nutzer berichten häufig von Erfahrungen mit Scham oder sozialer Verurteilung, die die Teilnahme an wissenschaftlichen Studien einschränken könnten (Hanson, 2022; Dubé et al., 2023).
Sexuelle Selbstbestimmung
Die Frage der sexuellen Selbstbestimmung nimmt in philosophischen und ethischen Debatten einen zentralen Platz ein. Tatsächlich verfügen heutige Roboter weder über ein Bewusstsein noch über Subjektivität noch über die autonome Fähigkeit, einer Interaktion zuzustimmen oder sie abzulehnen (Nyholm & Frank, 2019). Für Richardson (2015, 2016) liegt das Problem darin, dass diese Geräte so konzipiert sind, dass sie verfügbar und gehorsam sind, was dazu beitragen könnte, Formen der Sexualität zu normalisieren, denen jegliche Verhandlung über das einvernehmliche Vorgehen oder Gegenseitigkeit fehlt.
Rechtliche Aspekte und Datenschutz
Die Entwicklung von Sexrobotern wirft zudem bisher unbekannte rechtliche Fragen hinsichtlich der Herstellerhaftung, der Sicherheit der Geräte, der Cybersicherheit und des Schutzes personenbezogener Daten auf (Döring et al., 2026; Stardust et al., 2023; Varod & Heruti, 2024). Tatsächlich können vernetzte Geräte sensible Informationen über sexuelle Vorlieben, Nutzungsgewohnheiten und sogar bestimmte biometrische Daten erfassen (Dubé et al., 2022; Stardust et al., 2023).
Fazit
Trotz der intensiven Debatten lautet die wichtigste Schlussfolgerung der wissenschaftlichen Literatur weiterhin: Vorsicht ist geboten. Sexroboter sind ein aufstrebendes Forschungsgebiet, zu dem es zahlreiche Hypothesen gibt, für das jedoch noch nicht genügend empirische Daten vorliegen (Döring et al., 2020; Nascimento et al., 2021). Die Forschung ist sich in mehreren Punkten einig: Sexroboter begünstigen anthropomorphe Tendenzen, werfen bedeutende ethische, rechtliche und soziale Fragen auf und könnten in bestimmten Kontexten therapeutisches Potenzial aufweisen (González-González et al., 2021; Hanson & Locatelli, 2022; Sperber, 2024; Lafortune et al., 2022; Mozgai et al., 2020).
Derzeit gibt es keine fundierten Belege, die eine Aussage über mögliche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, das Sexualverhalten oder sexuelle Gewalt zulassen (Döring et al., 2020; Nascimento et al., 2021). Wie Turkle (2011) und Devlin (2018) betonen, drehen sich die Debatten zum Thema Sexroboter oft ebenso sehr um Menschen wie um Maschinen. Sie hinterfragen unsere Vorstellungen von sexuellem Verlangen, Intimität, sexueller Selbstbestimmung, Liebe und dem Platz, den wir Technologien in unseren Beziehungen einräumen möchten. In den Kontexten von Forschung, Medizin und Therapie wird es von entscheidender Bedeutung sein, sich weiterhin zu informieren und die Nutzung innovativer Technologien zu begleiten, um diese sicher, inklusiv, nutzenorientiert und potenziell therapeutisch zu gestalten.
Dieser Artikel wurde von
Louise PAITEL
verfasst, einer Psychologin und Sexualwissenschaftlerin und Forscherin an der Universität Côte d'Azur in Nizza. Sie unterstützt LOVE AND VIBES bei der Redaktion mit ihrem wissenschaftlichen und wohlwollenden Ansatz der Sexualität.
Literaturangaben
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