Objektophilie: Was ist das eigentlich?

Objektophilie: Was ist das eigentlich?

​Ist es möglich, sich in einen Gegenstand zu verlieben? Die Frage mag seltsam oder provokativ klingen, dabei gibt es die romantische Liebe zu einem Gegenstand, auch Objektophilie genannt, tatsächlich. So empfinden manche Menschen eine emotionale, romantische oder manchmal auch sexuelle Bindung zu einem bestimmten Gegenstand, wie beispielsweise einer Brücke, einer Statue, einem Auto oder einem Denkmal.

​Objektophilie ist ein nach wie vor wenig bekanntes Thema, das oft auf Klischees reduziert oder mit Distanz behandelt wird. Dabei verbirgt sich dahinter vor allem eine menschliche Realität, die komplexer ist, als es auf den ersten Blick scheint. Bevor man über andere urteilt oder sich wundert, sollten wir uns lieber damit beschäftigen, was hinter dieser Liebe zu Gegenständen steckt.

Was ist Objektophilie?

​Unter Objektophilie oder Objektsexualität versteht man die romantische oder sexuelle Anziehung zu leblosen Gegenständen. Für manche Menschen handelt es sich dabei nicht nur um eine ästhetische Faszination oder eine etwas intensivere Leidenschaft: Die Verbindung zu dem Gegenstand wird als echte Beziehung erlebt, mit romantischer Zuneigung, Zärtlichkeit, Treue und manchmal sogar mit einem Gefühl der Liebe.

​Genau das macht das Thema so besonders: Es geht nicht einfach darum, schöne Dinge zu lieben oder eine kleine Vorliebe für eine bestimmte Art von Gegenständen zu haben. Bei der Objektophilie kann das Objekt emotional so stark beladen sein, dass es einen zentralen Platz im Gefühlsleben der Person einnimmt.

Was die Faszination dieser Vorliebe ausmacht

​Die Objektophilie fasziniert, weil sie eine deutliche Abweichung davon darstellt, wie wir uns Beziehungen und sexuelles Begehren üblicherweise vorstellen. Gesellschaftlich geht man quasi immer davon aus, dass eine romantische oder sexuelle Beziehung ausschließlich zwischen zwei Menschen entstehen kann. Dies wird von manchen Forschern übrigens als eine sehr starke implizite Norm beschrieben.

​Sobald sich romantische Gefühle auf eine andere Weise entwickeln, entstehen schnell Neugier, Unverständnis oder Spott. In den Medien werden diese Themen oft aus einem reißerischen Blickwinkel heraus behandelt. Dabei werden stark medienwirksame Fälle in den Vordergrund gestellt, wie beispielsweise der von Erika Eiffel, die für ihre Verlobungszeremonie mit dem Eiffelturm im Jahr 2007 bekannt wurde.​

​Doch hinter den spektakulären Geschichten verbirgt sich meist eine sehr viel komplexere Realität: Für die Betroffenen handelt es sich nämlich keineswegs um einen Scherz. Objektliebende Menschen nehmen ihre Anziehung zu einem bestimmten Gegenstand als aufrichtig, tiefgreifend und vollkommen real wahr.

Objektophilie, Fetisch und Faszination: Was sind die Unterschiede?

​Objektophilie wird leicht mit einem Fetisch gleichgesetzt, obwohl es sich nicht um dasselbe handelt. Bei einem Fetisch geht es um die sexuelle Anziehung zu einem Gegenstand. Bei der Objektophilie hingegen handelt es sich um eine echte emotionale oder romantische Beziehung zu einem Gegenstand.

​Genauso wenig sollte man die Objektophilie mit anderen besonderen Vorlieben verwechseln, wie beispielsweise der Agalmatophilie, bei der der Fokus insbesondere auf Statuen, Schaufensterpuppen oder Puppen liegt. Die Objektophilie ist weiter gefasst: Sie kann sich auf alle Arten von Objekten oder Strukturen beziehen.

​Mit anderen Worten: Es handelt sich nicht nur um eine Fantasie, sondern um eine ganz besondere Art und Weise, romantische Zuneigung, eine emotionale Projektion und Verbundenheit zu empfinden.

Normal oder nicht?

Flugzeug mit Herzen

Wie so oft, wenn es um Sexualität oder atypische Beziehungsformen geht, ist die Versuchung groß, Dinge vorschnell in Schubladen zu stecken oder zu pathologisieren. Dabei ist die Sachlage etwas differenzierter. In Forschungsarbeiten wurden mögliche Zusammenhänge zwischen Objektophilie, Synästhesie und autistischen Zügen untersucht, doch lassen sich die betroffenen Menschen anhand dieser Ansätze nicht auf ein einziges Profil reduzieren.

​Daher ist es angemessen, mit Vorsicht darüber zu sprechen. Objektophilie ist nach wie vor ein Randphänomen, wird kaum verstanden und oft karikiert. Dabei stellen wir fest: Menschliche emotionale Bindungen lassen sich nicht immer in einfache Schubladen stecken. Und eine solche Besonderheit zu verstehen bedeutet nicht zwangsläufig, es um jeden Preis hochzujubeln oder total zu banalisieren, sondern einfach, es etwas differenzierter zu betrachten.

​Objektophilie ist ein seltenes und in der breiten Öffentlichkeit wenig bekanntes Thema. Doch jenseits des Aspekts des Kuriosums können wir daraus auch etwas über die Vielfalt menschlicher Beziehungen lernen. Wer das Thema ohne Sensationslust betrachtet, versteht bereits etwas besser, dass es mit der Objektophilie eine Realität gibt, die sich den üblichen Normen entzieht.