Kann man Sex lernen oder ist beim Sex alles Instinkt oder Erfahrung?

Kann man Sex lernen oder ist beim Sex alles Instinkt oder Erfahrung?

Heute fragen wir uns: Kann man Sex lernen? Natürlich möchte man gerne glauben, dass alles auf eine ganz natürliche Weise geschieht. Dass Lust und Verlangen schon ausreichen werden. Dass der Körper weiß, wie es geht. Dass der Instinkt uns lenkt, ohne dass wir groß darüber nachdenken müssen. Doch viele Menschen bezweifeln, dass man Sex ganz automatisch kann. Sie zweifeln nicht an ihrer Lust auf Sex, sondern an der Art, diese Lust auszuleben. Und an ihren Fähigkeiten, Lust zu bereiten. „Gut genug“ zu sein.

Sexualität ist etwas ganz Natürliches, ja. Aber sie mit anderen zu teilen und gemeinsam auszuleben, ist nicht immer ganz einfach.

Zwischen kulturell geprägten Fantasien, Leistungsdruck und mangelnder sexueller Aufklärung tasten wir uns in unserem Sexleben vorwärts. Dieses Herantasten soll keineswegs als Scheitern verstanden werden, sondern ist vielleicht gerade der Beweis dafür, dass Sexualität etwas ist, das sich erst entwickeln muss.

Der Mythos vom „Das ist doch ganz natürlich“

Ein guter Liebhaber oder eine gute Liebhaberin “weiß” einfach, wie es geht. Er oder sie ahnt, was passieren wird, antizipiert, hat alles im Griff. Der Ablauf ist fließend, perfekt choreografiert und synchronisiert. Oder?

Tatsächlich sieht die Realität ganz anders aus. Es gibt Momente des Zögerns, der Unsicherheit, ungeschickte Gesten, manchmal auch Momente der Stille.

Über diese Momente wird nicht viel gesprochen. Dabei sind sie ein wesentlicher Bestandteil der Intimität.

Der Glaube, dass alles beim Sex ganz instinktiv abläuft, kann einen stillen Druck erzeugen. Man vermeidet es, Fragen zu stellen. Man traut sich nicht zu sagen, dass man etwas nicht weiß. Man improvisiert lieber, als seine Unsicherheit zuzugeben. Das Ergebnis: Jeder tut so, als wüsste er Bescheid und gibt sich selbstsicherer, als er tatsächlich ist.

Doch Sexualität ist kein Talent, das einem bei der Geburt mitgegeben wird. Sie wird beeinflusst von der Erziehung, vergangenen Erfahrungen, dem eigenen Selbstvertrauen und der Beziehung zum eigenen Körper. All das lässt sich lernen, entwickelt sich weiter und verändert sich.

Sex bedeutet nicht, eine Methode anzuwenden

Für guten Sex gibt es zahlreiche Ratschläge , Anleitungen und Techniken. Manche davon können nützlich sein. Doch es gibt kein Patentrezept, das lustvollen Sex garantiert. Warum? Weil jeder Mensch anders ist.

Eine Berührung, die bei dem einen ein intensives Gefühl auslöst, lässt den anderen vielleicht völlig kalt. Ein Tempo, das in einem Moment ideal erscheint, kann am nächsten Tag schon zu schnell sein. Sexualität folgt keinem festen Protokoll. Sie muss ständig neu angepasst werden.

Guten Sex zu lernen, bedeutet also nicht, bestimmte Bewegungsabläufe auswendig zu lernen. Es bedeutet, ein Gefühl für mehr Achtsamkeit zu entwickeln. Die sich verändernde Atmung zu beobachten. Eine aufkommende Spannung zu spüren. Sich flexibel anzupassen. Und dieser Ansatz erfordert mehr Aufmerksamkeit als pure Technik.

Kommunikation ist der Schlüssel

Wenn es eine grundlegende Sache gibt, die man sich merken sollte, dann vielleicht die, dass es sich lohnt, offen miteinander zu sprechen. Zu sagen, was man mag und was man nicht mag. Was man gerne ausprobieren würde. Was einem unangenehm ist.

Viel sexueller Frust rührt nicht von mangelnder Kompetenz her, sondern von mangelndem Austausch darüber. Man nimmt Dinge an. Man interpretiert. Man hofft, dass der andere es schon selbst merken wird. Dabei ist Kommunikation kein Lustkiller. Sie gibt Sicherheit. Sie schafft einen Raum, in dem sich jeder äußern kann, ohne Angst zu haben, verurteilt zu werden.

Sex zu lernen, bedeutet manchmal einfach nur, zu lernen, die andere Person anzuleiten. Es mag banal klingen, aber kurze Bemerkungen wie „sanfter“, “weiter so“ oder „nicht so“ reichen schon aus, um den Sex bewusster zu erleben.

Kommunikation

Sich selbst besser kennenlernen

Es ist schwierig, einer anderen Person Lust zu bereiten, wenn man selber nicht genau weiß, was einem gefällt.

Viele Menschen entdecken erst spät, was bei ihnen wirklich sexuelle Erregung auslöst. Weil sie sich an vermeintliche Erwartungen angepasst haben. Weil sie Szenarien nachgespielt haben, die sie anderswo gesehen haben. Weil sie sich nie die Zeit genommen haben, ihren eigenen Körper in Ruhe und ohne Druck zu entdecken.

Der Lernprozess gewinnt auch durch persönliche Erfahrungen. Den eigenen Rhythmus verstehen. Die eigenen erogenen Zonen entdecken. Die eigenen Grenzen setzen. Sich mit den eigenen Fantasien beschäftigen. Diese Arbeit mit sich selbst verändert die Dynamik zu zweit tiefgreifend. Man ist nicht mehr auf der Suche nach Bestätigung, sondern nach einem echten Austausch.

Erfahrungen sammeln

Sexualität entwickelt sich immer weiter. Was man mit 20 empfindet, ist nicht unbedingt das, wonach man mit 35 oder 50 sucht. Selbstvertrauen verändert das Verhältnis zum eigenen Körper. Positive Erfahrungen geben Sicherheit. Schwierige Erfahrungen können das Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse schärfen.

Es gibt keinen Moment, in dem man Sex endlich „beherrscht“. Es ist vielmehr ein kontinuierlicher Prozess. Eine wachsende Fähigkeit, sich zu entspannen. Im Hier und Jetzt zu sein. Sich selbst nicht mehr so unter Druck zu setzen.

Und genau dann wird die empfundene Lust noch intensiver.

Lernen … aber wozu?

Wenn Lernen für Sie bedeutet, besser sein zu wollen als andere, andere beeindrucken und sich neue „Techniken“ aneignen zu wollen, dann kann es sein, dass es anstrengend für Sie wird.

Aber wenn Lernen für Sie bedeutet, zu verstehen, zuzuhören und sich weiterzuentwickeln, dann kann man sagen, dass sich Sexualität lernen lässt. Wie jede Form der menschlichen Beziehung.

Das erfordert Neugier. Geduld. Manchmal auch Mut. Und die Einsicht, dass man nicht alles weiß. Und dass das völlig in Ordnung ist.

In Wirklichkeit geht es nicht darum, Sex zu lernen, wie man eine Darbietung einstudieren würde, sondern zu akzeptieren, dass sich Sexualität mit der Zeit verändert. Sie lebt von Neugier, Vertrauen und davon, aufeinander einzugehen.

Man wird nicht von heute auf morgen „gut im Bett“ und es gibt keine allgemeingültige Gebrauchsanweisung. Was zählt, ist die Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln, sich anzupassen und eine Sexualität aufzubauen, die wirklich zu Ihnen und all denen, mit denen Sie Ihre Sexualität gemeinsam ausleben, passt.